RABBI LEOPOLD COHN

RABBI LEOPOLD COHN, D.D.

 

1862 – 1937

 

By H. B. CENTZ

 

 

CohnDas Leben Leopold Cohns begann in der kleinen Stadt Berezna, im östlichen Ungarn. Im Alter von sieben Jahren befiel den Jungen eine große Tragödie; er verlor beide Eltern im gleichen Jahr und musste, so gut er konnte, für sich selbst sorgen. In späteren Jahren erinnerte er sich oft daran, wie diese Tage der schrecklichen Einsamkeit und des bitteren Kampfes um die Existenz ihn lehrten, sein ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen. Es schien natürlich, dass er im Alter von 13 Jahren nach seiner Konfirmation beschloss, zu studieren und sich das Ziel setzte, Rabbi und Führer für sein Volk zu werden. Dass er ein guter Student war erschließt sich aus der Tatsache, dass er im Alter von 18 Jahren die talmudische Akademien mit einem anspruchsvollen Stipendienprogramm abschloss und Empfehlungen als würdiger Lehrer des Gesetzes erhielt.

 

Nach dem Abschluss der formellen Studien und dem darauffolgenden Empfang der Approbation bzw. der Ordination, ging Rabbi Cohn eine sehr glückliche Ehe ein und zog, wie es zur damaligen Zeit üblich war,  in das Haus seiner Schwiegereltern, um sich dort dem weiteren Studium der heiligen Schriften zu widmen.

 

Durch die Jahre des beinahe asketischen Studiums und Hingabe, lagen die brennenden Problemen seines Volkes, die Problemen des Exils und der versprochenen, aber lange überfälligen Erlösung durch das Kommen des Messias,  schwer auf der Seele des Rabbis und nun, da er zur Ruhe kam und dem Ruf seines Herzens folgen konnte, gab er sich selbst dem aufrichtigen Gebet und der Suche hin in der Hoffnung, ihre Lösung zu finden. Teil seiner morgendlichen Andachten war die Wiederholung des 12. Artikels des jüdischen Glaubensbekenntnisses, das erklärt, „Ich glaube mit einem perfekten Glauben das Kommen des Messias und sollte er sich verspäten, werde ich täglich auf sein Kommen warten“. Die regelmäßige Nutzung dieses Glaubensbekenntnisses, entzündete sich zu einer Flamme in seinem Herzen für die Erfüllung Gottes Versprechen und der schnellen Wiederherstellung eines zerstreuten Israels, bis er nicht mehr mit den formalen Gebeten zufrieden war und um Mitternacht herum aufzustehen und auf dem nackten Boden zu sitzen, um die Zerstörung des Tempels zu betrauern und Gott anzuflehen, das Kommen des Messias zu beschleunigen.

 

„Warum verspätet sich der Messias? Wann wird er kommen?“ Diese Fragen beschäftigten den jungen Rabbi ständig. Eines Tages, während er über einem Band es Talmuds saß, kam er zu folgendem Zitat: „Die Welt soll sechstausend Jahre lang existieren. In den ersten zweitausend Jahren herrscht Verwüstung; zweitausend Jahre lang wird die Tora blühen; und die nächsten zweitausend Jahre sind das Messianische Zeitalter.“ Mit großem Interesse wand er sich den Schriften von Rashi zu, dem bekanntesten jüdischen Kommentator, um Licht auf diesen Abschnitt zu werfen, aber die Erklärung, die er fand, half ihm nur wenig. Als er sich von den dicken Bänden abwandte, schien ihm die Lösung seines Problems schwerer als je zuvor. Laut der talmudischen Rechnung, hätte der Messias schon längst kommen müssen; aber da war das Exil, immer noch die bitterste Tatsache des jüdischen Lebens. „Kann es möglich sein“, fragte er sich selbst, „dass die von Gott vorherbestimmte Zeit für das Kommen des Messias vergangen ist und das Versprechen nicht erfüllt wurde?“ Schmerzlich und verwirrt, beschloss Rabbi Cohn, die ursprünglichen Vorhersagen der Propheten zu studieren, aber nur die Absicht erfüllte ihn mit Angst, denn laut den Lehren der Rabbis hieß es, „Verdammt seien die Knochen derer die das Ende kalkulieren“ (Sanhedrin 97b). Und so zitterten ihm die Hände in der Erwartung, dass jeden Moment ein Blitz vom Himmel einschlagen würde, aber mit unwiderstehlichem Eifer, öffnete er das Buch des Propheten Daniel und begann zu lesen.

 

Als er das neunte Kapitel erreichte, begann ihm ein Licht aufzugehen. Er hatte eine Mine der bislang verborgenen Wahrheit getroffen, verdeckt durch die Kommentare der ehrenwerten Doktoren des Gesetzes. Ab dem 24. Vers des Kapitels, leitete er ohne Schwierigkeiten ab, dass das Kommen des Messias 400 Jahre nach der Prophezeiung der Siebzig Wochen stattgefunden haben muss, die Daniel von dem göttlichen Botschafter erhielt. Der Gelehrte, der die komplizierten und oftmals verschleierten polemischen Abhandlungen des Talmuds gewohnt war, war nun merkwürdig gefangen durch die klaren und beruhigenden Erklärungen des Wort Gottes und es dauerte nicht lange, ehe er für sich selbst die Glaubwürdigkeit des Talmuds hinterfragte, weil er erkannte, dass dieser sich in so lebenswichtigen Themen derart von den Heiligen Schriften unterschied.

 

Es war kein leichter oder angenehmer Fall für Rabbi Cohn, Leiter einer jüdischen Gemeinschaft, der täglich bei seinem Volk populärer wurde, Zweifel hinsichtlich der Autorität des Talmuds zu haben. Abgesehen von der Unruhe, die in seiner eigenen Seele rumorte, meinte er, dass Zweifel ketzerisch in einem Mann seiner Position sei und auf eine mystische Art schädlich für das Wohl Israels. Und doch, jeden Augenblick des nüchternen Nachdenkens brachte ihn in Berührung mit der Frage, „Soll ich Gottes Wort glauben oder muss ich meine Augen vor der Wahrheit verschließen?“ Inmitten des Konflikts, der in seinem Herzen ausgelöst wurde, gab es ein Gebet, das er mehr als jedes andere sprach: „Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz.“

 

Ohne sich dessen ganz bewusst zu sein, war Rabbi Cohn auf dem Weg zu einer Kreuzung der Wege. Eine Krise war unumgänglich und sie begann an einer Chanukka.  Es war die Zeit des Lichterfestes und wie es für ihn üblich war, plante er seinen Leuten über die Bedeutung des Festes zu predigen. Er hatte nicht vor, in dieser Predigt auf seine Zweifel über den Talmud oder seine Entdeckungen in Daniels Prophezeiung einzugehen, aber als er aufstand, stiegen einige seiner tiefsten Gedanken in ihm auf und ließen sich nicht unterdrücken. Die Wirkung seiner Worte auf die Versammlung wurden sofort offensichtlich. Flüstern wuchs zu lautem Protest an und ehe die Predigt sehr weit gegangen war, brach ein Aufstand im Gottesdienst aus. Dieser Tag war der Beginn einer Reihe von kleineren Verfolgungen, die dem Rabbi seine Freude raubten und seinen Dienst schwer bis unmöglich machten.

 

Das Neue Testament war noch ein unbekanntes Buch für Rabbi Cohn. Daher kam es ihm nie in den Sinn, dort nach der Erfüllung der alttestamentlichen Vorhersagen zu schauen. Im Wirbel, der in seiner Seele herrschte, auf der Suche nach einer Richtung, suchte er schließlich den Rat eines weiteren Rabbis in einer entfernten Stadt, ein Mann, der um viele Jahre älter war als er, dessen Lehren und Pietät er hoch schätzte. „Sicherlich“, so dachte er, „ist mein Problem kein neues. Andere müssen ebenfalls nach Antworten gesucht haben und schließlich eine befriedigende Antwort gefunden haben, wie sonst könnten sie weiter studieren und den Talmud lehren.“ Aber wieder einmal wurden seine Hoffnungen zerstört. Kaum hatte Cohn seine belastete Seele ausgeschüttet, begann der Rabbi, zu dem er so weit gereist war, ihn mit seiner Zunge zu beschimpfen und ihn mit einem Strom an Beleidigungen und Beschimpfungen zu überhäufen. „Du bist also auf der Suche nach dem Messias, um das Unergründliche aufzudecken? Du bist kaum aus der Schale geschlüpft und bereits jetzt besitzt du die Kühnheit, die Autorität des Talmuds zu hinterfragen! Die Lehren unserer Meister sind also nicht mehr gut genug für dich? Du redest zur ganzen Welt wie die Flüchtlinge, über die ich kürzlich in einer Wiener Zeitung gelesen haben, die behaupten, dass unser Messias bereits gekommen wäre. Gehe besser zurück zu deinem Posten, junger Mann, und schätze dich glücklich, dass er dir noch nicht entzogen wurde. Und beachte meine Warnung. Hältst du an diesen unheiligen Ideen fest, wirst du eines Tages dein Amt als Rabbi in Unehre beenden und wahrscheinlich inmitten dieser Abtrünnigen in Amerika enden.“

 

Enttäuscht und am Boden zerstört, verabschiedete sich Rabbi Cohn. Aber trotz dieser außerordentlichen Erniedrigung, begann sich ein neuer Gedanke in seinem Kopf zu formen und mit diesem sah er einen neuen Hoffnungsschimmer in der Ferne. Amerika! Das Land der Freiheit! Der Zufluchtsort der Verfolgten! Dort würde er seine Untersuchung fortsetzen.

 

Im März 1892 wurde Rabbi Cohn in der Stadt New York herzlich von seinen Landsmännern begrüßt, viele von ihnen kannten ihn persönlich aus der alten Heimat. Rabbi Kline von der ungarischen Synagoge, der ihm nach Amerika vorausgegangen war und für den er ein Empfehlungsschreiben hatte, empfing ihn mit so viel Freundlichkeit und bot ihm sogar einen temporären Dienst in seiner Synagoge an, während er auf einen Ruf einer angemessenen Versammlung wartete.

 

An einem Samstag, kurz nach seiner Ankunft, begab sich Rabbi Cohn auf seinen üblichen Sabbat-Spaziergang. Wie es seine Angewohnheit war, meditierte er über den Messias. Aber inmitten seiner Gedanken, passierte er eine Kirche in einer der Straßen des Ghettos und seine Aufmerksamkeit wurde durch ein Schild geweckt, das in Hebräisch geschrieben war und auf dem stand „Treffen für Juden“. Er wusste kaum, was er von dieser merkwürdigen Kombination halten sollte: Eine Kirche mit einem Kreuz und Treffen für Juden!

 

Während er gedankenverloren vor der Kirche stand, packte ihn ein Landsmann beim Arm und sagte mit ängstlicher Stimme, „Rabbi Cohn, kommen Sie besser fort von hier.“ Der Rabbi war überrascht, aber gleichzeitig wurde seine Neugier geweckt. Was hatte es mit dieser Kirche und dem hebräischen Schild auf sich? „In dieser Kirche sind abtrünnige Juden“, wurde ihm mit atemloser Stimme gesagt, „und sie lehren, dass der Messias bereits gekommen sei.“ Bei diesen Worten beschleunigte sich der Puls von Rabbi Cohn. Sie lehrten, dass der Messias bereits gekommen sei! Konnten das die Leute sein, von denen der Rabbi gesprochen hatte, den er in Ungarn vor seiner Abreise getroffen hatte? Das wollte er herausfinden.

 

So bald er konnte, verabschiedete er sich von seinem Gefährten und als er sicher war, dass er nicht beobachtet wurde, erklomm er rasch die Stufen der Kirche. Aber er hatte kaum seinen Fuß in die Tür gesetzt, als ein Blick seine Augen traf, was ihn veranlasste, zurückzuschauen. Der Sprecher auf der Bühne trug keine Kopfbedeckung und auch das Publikum nicht. Und wie für jeden orthodoxen Juden, war das der Höhepunkt des Frevels. Auf seinem Weg hinaus dachte er, er solle dem Küster den Grund für sein Gehen nennen und von diesem wurde ihm gesagt, dass selbst wenn er nicht zum Gottesdienst bleiben könne, er jederzeit ein privates Treffen mit dem Pastor in dessen Zuhause vereinbaren könne.

 

Am folgenden Montag, wenn auch immer noch etwas betroffen von seiner Erfahrung am Samstag, brachte Rabbi Cohn genug Mut auf, um sich selbst bei der Adresse des Pastors vorzustellen. Er betrat das Haus mit vielen Bedenken, aber der Eindruck, den die gütige Erscheinung des Pastors, einem christlichen Juden, auf ihn machte und die Tatsache, dass dieser Mann, wie er selbst auch, ein geschulter Talmudist und Nachkomme einer berühmten rabbinischen Familie war, beruhigte ihn vollkommen. Ehe er bemerkte, was er tat, berichtete er seinem neu gefundenen Freund von seiner messianischen Suche.

 

Am Ende des Gesprächs reichte ihm der Pastor, der bemerkt hatte, dass sein Besucher in keinster Weise mit dem Inhalt vertraut war, eine Kopie des Neuen Testaments in Hebräisch und bat ihn, es ihn Ruhe zu lesen. Eifrig nahm er das Buch entgegen, das sein Leben und seinen Dienst verändern sollte, und war neugierig, es zu studieren. Rabbi Cohn öffnete das Buch und kam zur ersten Seite und dort fielen seine Augen auf die ersten Zeilen des Matthäus-Evangeliums. „Das Buch der Generation Yeshuas dem Messias, dem Sohn Davids, dem Sohn Abrahams.“

 

Keine Worte können beschreiben, was diese Worte an Gefühlen in ihm auslösten. Es schien ihm, als hätte er endlich das Ziel seiner langen Suche erreicht. Die Opfer, die er brachte, die Trennung von Frau und Kindern, die er erlitt, die Tage, die er in verzweifeltem Gebet verbracht hatte – alle diese Dinge trugen nun Frucht und erhielten ihre Belohnung. Das Problem, das weder er, noch diejenigen, die er um Rat gebeten hatte, lösen konnten, wurde nun durch ein Buch beantwortet, und dieses Buch lag in seinen Händen. Sicherlich musste solch ein Buch durch den Willen des Himmels zu ihm gekommen sein. Gott hatte endlich seine vielen Gebete erhört und nun, da war er sicher, würden Er ihm helfen, den Messias zu finden.

 

Rabbi Cohn verabschiedete sich von seinem freundlichen Gastgeber und rannte so schnell er konnte zu seinem Zimmer, verschloss die Tür und gab sich dem Studium dieses wertvollen Buches hin, seinem großen Preis. „Ich begann um 11 Uhr morgens zu lesen“ schrieb er später, als er an diesen erinnerungswürdigen Tag dachte, „und las weiter bis ein Uhr nachts. Ich konnte nicht den ganzen Inhalt des Buches verstehen, aber ich konnte erkennen, dass der Name des Messias Yeshua war und dass Er in Bethlehem in Judäa geboren wurde, in Jerusalem gelebt hatte und mit meinem Volk gesprochen hatte und dass er genau zu der Zeit kam, von der die Prophezeiung in Daniel spricht. Meine Freude war grenzenlos.“

 

Wäre er jedoch in der Lage gewesen in die Zukunft zu schauen, hätte Rabbi Cohn andere Tage des Leids gesehen, die auf ihn warteten.  Eng und mühselig ist der Weg des Glaubens in einer Welt des Unglaubens. Sein erster heftiger Schock kam am nächsten Morgen, als er seine Entdeckung Rabbi Kline mitteilen wollte, der ihm kürzlich seine Hilfe angeboten hatte, einen Auftrag zu finden. „Du bist ein wilder Träumer“, schrie er seinen rabbinischen Kollegen an als er Cohns Geschichte hörte. „Der Messias, von dem du sagst, ihn gefunden zu haben, ist niemand anderes als der Jesus der Heiden. Und was dieses Buch angeht“, sagte er und riss das Neue Testament aus Cohns Händen, „würde ein gelernter Rabbi wie du es bist, nicht einmal in die Hände nehmen und noch weniger diese abscheuliche Produktion der Abtrünnigen lesen. Das ist der Ursprung unseres Leidens.“ Und mit diesen Worten warf er das Buch auf den Boden und trampelte mit seinen Füßen darauf herum.

 

Rabbi Cohn floh vor diesem unerwarteten Zornausbruchs und fühlte sich einmal mehr in der stürmischen See sich widersprechender Gedanken und Gefühlen. „Ist es möglich, dass Yeshua der Messias, der Sohn Davis, der Jesus ist, den die Heiden anbeten?“ An so einen zu glauben, wäre tatsächlich ein Akt des Götzendienstes!

 

Die Tage, die folgten, waren gefüllt mit Kummer und melancholischen Gedanken. Aber langsam konnte er sich aus den Fängen der Verzweiflung befreien und begann sein Problem erneut im Licht der Heiligen Schriften zu studieren. Er fand das Licht als er sich Gottes Licht der Wahrheit zuwandte. Die prophetische Vision des leidenden Messias drang in ihn ein als er wieder und wieder das dreiundfünfzigste Kapitel des Propheten Jesajas las, aber es war noch ein langer Weg bis er Frieden für seine Seele fand. Die ernsten Fragen, die ihm vor Augen standen waren, „Was, wenn Yeshua und Jesus die gleiche Person sind? Wie kann ich den „Gehassten“ lieben? Wie soll ich meine Lippen mit dem Namen Jesus verunreinigen, deren Nachfolger meine Brüder durch viele Generationen hindurch gequält und getötet haben? Wie kann ich einer Gemeinschaft von Menschen angehören, die meinem eigenen Fleisch und Blut so feindselig gegenüber stehen?“ Dies waren Fragen, die beklemmend genug waren, um jeden Mann um seinen Frieden zu bringen. Und doch, über diesem wütenden Sturm, da war immer noch die leise Stimme, die zu seinem Herzen sprach und sagte, „Wenn Er der Messias ist, der in den Schriften vorhergesagt wird, dann musst du Ihn lieben und egal, was andere in Seinem Namen getan haben, musst du Ihm folgen.“

 

Immer noch zwischen zwei Meinungen hin- und hergezogen, beschloss Rabbi Cohn zu fasten und zu beten, bis Gott ihm offenbarte, was zu tun sei. Als er mit seinen Fürbitten begann, hatte er in seinen Händen ein hebräisches Altes Testament. Vollkommen im Gebet versunken, erschrak er, als das Buch aus seinen Händen auf den Boden fiel, und als er sich herunterbeugte, um das heilige Buch aufzuheben, sah er, dass es sich beim dritten Kapitel des Propheten Maleachi geöffnet hatte, das mit den Worten beginnt, „Siehe, ich sende meinen Boten, der vor mir her den Weg bereiten soll; und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen der Herr, den ihr sucht; und der Bote des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt! spricht der Herr der Heerscharen.“ Das hatte seine gesamte Aufmerksamkeit geweckt und alle Sinne aufgerüttelt. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als stünde der Messias an seiner Seite und zeigte ihm die Worte, „Er ist bereits gekommen“. Überwältigt von einem Gefühl der Ehrfurcht, fiel er auf seine Gesicht und aus seinem Innersten kamen Worte des Gebets und der Anbetung. „Mein Herr, mein Messias Yeshua. Du bist der, durch den Israel verherrlicht wird und Du bist der, der Sein Volk mit Gott versöhnte. Von diesem Tag an will ich Dir dienen, egal, was es koste.“ Und als bekäme er eine direkte Antwort auf sein Gebet, füllte Licht sein Verständnis und zu seiner unaussprechlichen Freude fand er es nicht mehr schwer, seinen Herrn zu lieben, obwohl er nun sicher war, dass es Jesus war, den er ansprach. In dieser Stunde wusste er, dass er eine neue Schöpfung im Messias geworden war.

 

Er besprach sich nicht mehr mit Fleisch und Blut. Cohn begann, all seinen Freunden und Bekannten zu bezeugen, dass der abgelehnte Jesus der wahre Messias Israels sei und dass, bis die Juden als ein Volk, Ihn akzeptierten, keinen Frieden mit Gott finden würden. Die erste Reaktion seiner Freunde war amüsierte Nachsicht. „Rabbi Cohn ist geistlich verwirrt“, sagten sie, „aufgrund seiner langen Trennung von seinen Lieben.“ Aber als seine Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Aufrufs ihre Aufmerksamkeit weckte, brandmarkten sie ihn als Verräter seines Volkes und begannen, ihn heftigst zu verfolgen. Einige dachten sogar, es wäre eine fromme Tat, ihn von den Lebenden zu entfernen. So sehen die Wege der Eiferer aus, die kein Wissen von Gott haben!

 

Als Cohns Landsleute schließlich die Tatsache seiner Konvertierung akzeptieren mussten, schrieben sie Briefe und seine Frau und Freunde in der Heimat, um sie über seine „Abtrünnigkeit“ zu informieren. Als Ergebnis endete sämtliche Kommunikation zwischen ihm und seiner Frau schon zu bald.

 

In der Zwischenzeit waren die Juden in New York in Tumult bezüglich der Tat des ehemals verehrten Rabbis. Man kann nicht sagen, welchen Schaden die fanatische Verfolgung ihm gebracht hätte, wäre er lange in New York geblieben. Aber glücklicherweise, erfuhr der Pfarrer, der ihm sein erstes Neues Testament gegeben hatte von seiner Not und kam ihm zur Hilfe. Eine Gruppe von Freunden wurde zusammengestellt, die Cohn Unterkunft und Schutz boten; aber als es offensichtlich wurde, dass sein Leben in New York täglich in großer Gefahr wäre, wurden Pläne für seine heimliche Abreise nach Schottland geschmiedet, wo er die Möglichkeit hätte, in einer freundlichen Umgebung zu studieren und wieder zu Kräften zu kommen.

 

In Edinburgh, in Schottland, fand Cohn eine freundliche Aufnahme der Menschen der Barklay Church. Es war gut, dass er sich nun unter Freunden befand, denn ein weiterer Kampf wartete auf ihn und ein weiterer Feind musste überwunden werden, ein Feind, der noch subtiler und gefährlicher war, als alle, die er in New York zurückgelassen hatte. Als der Tag seiner Taufe näherkam, spürte er, dass ihm der ultimative Test seines Lebens bevorstand und dass dieser von Satan und allen Mächten der Hölle arrangiert wäre. Vieles davon stand zu seinem Vorteil. Aus geistlicher Sicht erwartete er, einen großen Gewinn aus einem resoluten und offenen Bekenntnis seines Glaubens in den Messias zu erzielen, aber aus menschlicher Sicht stand er in der Gefahr alles zu verlieren, was er im Leben liebte – seine Frau, Kinder, Freunde, Position, Ehren; tatsächlich alles.

 

Für einige Tage vor seiner Taufe, selbst in der Stunde seines ernsten öffentlichen Bekenntnis zum Messias, lebte Cohn unter einer Wolke düsterer Vorahnung. Gebet, zu dem er sich oft zurückzog, brachte ihm nur zeitweilige Erleichterung. Aber am Morgen seiner Taufe, als er die Kirche erreichte, fühlte er sich bestärkt und froh, als hätten sich die Wolken durch die Gegenwart des Messias aufgelöst, den er so gerne bezeugte. Später erfuhr er, wie die Gebete von vielen Freunden ihn in der Stunde des Kampfes und des herrlichen Sieges unterstützt hatten. Bekannt wurde dies durch einen Brief, den er von Dr. Andrew A. Bonar erhielt, dem ehrwürdigen Pastor der Finnieston Church in Glasgow, in dem stand, „Meine Leute und ich haben für Sie in unserem Gottesdienst heute Morgen gebetet.“ So trennte sich Cohn von dem Leben, das er einst lebte, um sich erneut dem Dienst an seinem Volk zu widmen. Er war nicht mehr Rabbi des Gesetzes, sondern ein Botschafter des Messias und er trug in seinem Herzen das Geheimnis für Israels Erlösung.

 

Bis hierhin haben wir uns ausführlich mit der geistlichen Pilgerfahrt von Rabbi Cohn auseinandergesetzt, denn darin ist das Geheimnis des Lebens und der Arbeit dieses großen Mannes zu finden. Der Doktor Leopold Cohn der späteren Jahre, der gebildete Gelehrte, der hervorragende Prediger, der treue Pastor und nie ermüdende Missionar, kann nur durch das Verständnis seiner Suche in den jüngeren Jahren verstanden werden, als er im aufgehenden Licht des Berufs eines Rabbiners nichts als zu wertvoll erachtete, um es nicht auf dem Altar der Wahrheit zu opfern und für das Ziel der Erlösung seines Volkes.

 

Platzmangel zwingt uns, hier den Vorhang dieser Zeit von Cohns Leben zu schließen, was seinen Aufenthalt und seine Arbeit in Schottland einschließt und die Wiedervereinigung mit seiner Frau und seinen Kindern. Wie seine Familie zum Glauben an den Messias fand sollte erzählt werden und verdient es, erzählt zu werden, in einer separaten Geschichte. Dass sie es taten ist ein zusätzliches Zeugnis für die Ernsthaftigkeit und Rechtschaffenheit des Mannes und der Gnade Gottes.

 

Wir erzählen die Geschichte an dem Punkt weiter, als Cohn mit seiner Familie im Herbst 1893 zurück nach New York geht. Die Zeit, die zwischen dieser und seiner ersten Ankunft in New York hat diesen Mann überhaupt nicht in seinem Wesen verändert. Er war der gleiche leidenschaftliche Pilger auf der Suche nach der Wahrheit, nur dass er seine Heimat gefunden hatte und das Ziel keine Spekulation mehr war. Er hatte von der Quelle des lebendigen Wassers getrunken. „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“

 

Für den ehemaligen Rabbi gab es nur einen Ruf im Leben – Gott zu dienen. Und nur eines zu tun – den Weg zu Gottes Errettung in Jesus, dem Messias bekanntzumachen. Und so, nach seiner Ankunft in New York, machte er sich direkt daran, den Kontakt zu der Vielzahl seiner jüdischen Brüder herzustellen.

 

Um sich eine Plattform für die Verkündigung der frohen Botschaft zu sichern, eröffnete er eine kleine Mission in Brownsville. Als Mann mit einer praktischen Gesinnung, widmete er sich nicht nur dem Predigen, sondern auch der Erleichterung vieler Nöte, die er in den Leben der eingewanderten Juden fand, die damals in Tausenden nach New York kamen. Es ist eine traurige Tragödie, dass er bei seinem ersten Versuch, seinem Volk im Namen des Messias zu dienen, sehr alleine dastand. Während er als Prediger populär war, betrachtete ihn die gesamte jüdische Gemeinschaft noch mit feindseligen Augen und Christen, die seine müden Arme hätten hochhalten sollen, kamen ihm viel zu langsam zur Hilfe. Ehe sein Missionsprojekt sehr weit gekommen war, musste der Schmuck seiner Frau, ein Token ehemaligen Wohlstands, geopfert werden, um die Miete für den schlichten Versammlungsraum zu bezahlen. Und es kamen Tage, an denen die Speisekammer der kleinen Missionarsfamilie sehr leer wurden und die Kinder nur spärlich gesättigt zur Schule geschickt werden mussten. Das müssen schwere Tage gewesen sein, ausreichend um selbst die stärksten Gemüter zu erschüttern; aber Cohn machte unverdrossen weiter, vertraute sich und seine Lieben Gott an, der sie aus der Dunkelheit in sein herrliches Licht gerufen hatte.

 

Auch die Verfolgungen müssen dem sensiblen Gemüt des jungen Missionars zugesetzt haben; aber wenn durch böse Zungen und Hände Wunden zugefügt wurden, dann kannte nur Gott diese. Cohn beschwerte sich nie, sondern blieb immer fröhlich und hoffnungsvoll. Ein Vorfall, der von Dr. Cohn vor vielen Jahren einer kleinen Gruppe mitgeteilt wurde, um den Text zu erklären, „Der Diener ist nie größer als sein Herr“. „Eines Nachmittags“, sagte er, „brachte ich ein Neues Testament zu einem Haus, von wo es angefordert worden war. Aber als ich dort ankam, überfiel mich ein starker Mann, schlug mich zunächst mit seinen Fäusten und sprang dann mit seinen Beinen auf mich. Schließlich nahm er meine Ohren, hob meinen Kopf an und schlug ihn wiederholt auf den harten Boden, während er die ganze Zeit auf Hebräisch sagte, „Diese Ohren, die vom Sinai gehört haben, dass wir keine fremden Götter haben sollen, und die nun den christlichen Idolen zuhören, müssen herausgerissen werden“ und unterstrich jeden Bezug auf die Worte „müssen herausgerissen werden“, mit einem schrecklichen Ziehen.“ Nach dieser Erfahrung ging Cohn mit Blut auf dem Gesicht nach Hause, aber es war das Blut von einem, der um der Wahrheit willen gelitten hatte und es wurde der Samen einer großartigen Arbeit.

 

Der schlimmste Test aber, den er erleiden musste kam von der Seite der Menschen, die angeblich einer Meinung mit ihm waren. „Falsche Brüder“ wurde solche vom Apostel Paulus genannt und keine bessere Beschreibung wurde seither für sie gefunden. Als Dr. Cohn bereits seine Arbeit aufgebaut hatte, mit einer großen Versammlung von Juden, die zum Glauben an den Messias gefunden hatten, gab es Männer von ausreichender Frechheit, die seine Motive bestritten und die Aufrichtigkeit seines Glaubens in Frage stellten. Glücklicherweise gab es andere, Männer unanfechtbaren Charakters, die den wahren Wert von Dr. Cohn kannten und bei ihm und für ihn einstanden bis zum Ende seines Lebens.

 

Dr. Leopold Cohn starb am 19. Dezember 1937. Sein Beerdigungsgottesdienst, der in der Marcy Avenue Baptist Church in Brooklyn, New York, abgehalten wurde und von der Pastorenvereinigung abgehalten wurde, bei der er zeitlebens Mitglied war, zog eine große Menschen aus Freunden und Bewunderern bestehend an, sowohl Juden als auch Christen.

 

– Aus: When Jews Face Christ

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